Die Deutsche Fachwerkstraße mit mehr als 3.500 Kilometern und 121 schmucken Fachwerkstädten erstreckt sich von der Elbe im Norden über die Oberlausitz im östlichen Sachsen bis hin zum Bodensee im Süden. Die Route führt mit acht Regionalstrecken durch die Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg.
Deutschlands ältester nördlichster Weinberg, die größte Weihnachtskerze der Welt und Deutschlands einziges Elfenbeinmuseum, die Wiege der deutschen Damast- und Frottierindustrie sowie der 50. Breitengrad befinden sich an der Deutschen Fachwerkstraße. Wir haben uns für unsere Wochenendtour die Regionalstrecke „Vom Weserbergland über Nordhessen zum Vogelsberg und Spessart“ entschieden. Diese Regionalstrecke führt uns durch romantische Flusstäler und berührt sagenumwobene Berge wie den Hohen Meißner – auch „Frau-Holle-Berg“ genannt, den Knüll oder den Vogelsberg. Auf rund 520 Kilometern erleben wir eine Komposition aus mittelalterlicher Baukunst, Brüder-Grimm-Romantik und unverfälschter Natur.
1. Etappe: Fachwerk ̶ Pracht im Weserbergland
Unsere Reise beginnt in Hann. Münden, einer Stadt, die Alexander von Humboldt einst als eine der sieben am schönsten gelegenen Städte der Welt bezeichnete. Hier fließen Werra und Fulda zusammen, um als Weser ihre Reise nach Norden anzutreten.
Highlight: Über 700 Fachwerkhäuser aus sechs Jahrhunderten prägen den historischen Kern. Besonders sehenswert ist das Welfenschloss und das prächtige Rathaus der Weserrenaissance.
Reise-Tipp: Ein Besuch am „Weserstein“ ist Pflicht, bevor man das Auto Richtung Süden lenkt.
Der Geheimtipp: Suchen Sie das „Rottenbach-Haus“. Es zeigt die typischen vorkragenden Stockwerke, die früher nicht nur schick waren, sondern halfen, Grundsteuer zu sparen (da diese nach der Grundfläche des Erdgeschosses berechnet wurde).
2. Etappe: Nordhessen ̶ wo die Märchen zu Hause sind
Der Weg führt uns tiefer in die „Grimm-Heimat“. Über Kaufungen mit seiner beeindruckenden Stiftskirche steuern wir Melsungen an.
Melsungen, die Bartenwetzerstadt: Die Stadt ist berühmt für ihr freistehendes Fachwerk-Rathaus, eines der schönsten Deutschlands. Auf der Bartenwetzer-Brücke begegnen einem die steinernen Zeugen der Stadtgeschichte – die Waldarbeiter, die hier einst ihre Äxte (Barten) wetzten.
Das Rathaus (1556) gilt als eines der bedeutendsten Fachwerk-Rathäuser Deutschlands. Schauen Sie genau hin: In der Mitte des Gebäudes befindet sich ein Erker, aus dem täglich um 12:00 und 18:00 Uhr die Figur des Bartenwetzers herausschaut.
Fritzlar & Homberg (Efze): Ein kurzer Schwenk nach Westen führt in die Dom- und Kaiserstadt Fritzlar. Der Marktplatz wirkt mit dem „Spitzenhäuschen“ fast wie eine Filmkulisse. Der Marktplatz ist ein geschlossenes Ensemble. Das „Spitzenhäuschen“ (ca. 1415) ist das älteste Fachwerkhaus der Stadt und wirkt fast instabil, so schmal und hoch, wie es auf seinem Steinsockel thront. Es beherbergt heute die Tourist-Information
Weiter südlich thront die Hohenburg über Homberg (Efze), der „Reformationsstadt Hessens“, deren Marktplatz-Ensemble durch Geschlossenheit besticht. Die Stadt wird auch „Hessisches Rothenburg“ genannt. Rund um die Stadtkirche St. Marien reihen sich Häuser, die nach dem Dreißigjährigen Krieg auf alten Kellern neu errichtet wurden. Das Besondere: Viele Häuser haben hier „Neidköpfe“ – geschnitzte Fratzen an den Eckpfosten, die das Böse abwehren sollten.
3. Etappe: Die „Kurzen Hessen“ ̶ von Bad Hersfeld nach Alsfeld
Wir folgen der historischen Handelsstraße „Durch die kurzen Hessen“. In Bad Hersfeld verbinden sich monumentale Romanik (die größte romanische Kirchenruine der Welt) und feinstes Fachwerk. Zwischen der massiven Stiftsruine finden sich in der Fußgängerzone (z.B. am „Linggplatz“) prachtvolle Bürgerhäuser. Das Fachwerk ist hier oft mit Sgraffito-Technik (Kratzputz) kombiniert.
Rotenburg an der Fulda: Ein kleiner Geheimtipp direkt am Fluss. Die schmalen Gassen und das Landgrafenschloss laden zu einem entspannten Spaziergang ein.
Alsfeld: Diese Stadt ist das Herzstück der Route. Das Alsfelder Rathaus (1512) mit seinen zwei spitzen Türmchen ist das wohl meistfotografierte Fachwerkgebäude der Region. Als „Europäische Modellstadt für Denkmalschutz“ zeigt Alsfeld, wie lebendig Mittelalter heute sein kann. Ein echtes Original ist das Restaurant Kartoffelsack. Das Lokal befindet sich in einem verwinkelten Fachwerkhaus. Wie der Name sagt, dreht sich alles um die Kartoffel, serviert in unzähligen Varianten.
4. Etappe: Vogelsberg & Spessart – Vulkane und Sagen
Der letzte Abschnitt führt in den Vogelsberg, das größte zusammenhängende Vulkanmassiv Mitteleuropas. Die Landschaft wird hügeliger, die Orte uriger.
In der Burgenstadt Schlitz sollte man den „Hinterturm“ besteigen (im Advent die größte Kerze der Welt). Die Stadt besteht aus fünf Burgen. Das Ensemble auf dem Burgberg ist einzigartig. Gehen Sie durch die engen Gassen zwischen Vorderburg und Hallenburg – hier ist das Fachwerk engmaschig und wirkt fast wehrhaft. Die Schlitzer Destillerie ist eine der ältesten Kornbrennereien der Welt. Eine Führung mit anschließender Verkostung ist ein absolutes Muss.
In Lauterbach dreht sich alles um den verlorenen Strolch – und um exzellente Kulinarik in historischen Mauern. Suchen Sie das „Ankerturm“-Viertel. Hier finden wir das sogenannte „Zweiständerhaus“, eine archaische Bauform, bei der die tragenden Balken vom Boden bis zum Dach durchgehen. Ein traditionelles Haus im Herzen der Stadt ist das Gasthaus Zum Jägerhof. Hier sollte man unbedingt „Lauterbacher Beulches“ probieren, eine regionale Spezialität aus Kartoffelteig, die traditionell in Leinenbeuteln gekocht wird.
Grünberg: Am westlichen Rand des Vogelsbergs wartet Grünberg mit seinem Marktplatz und dem Diebesturm.
Das Finale in Steinau an der Straße: Die Reise endet im Kinzigtal, am Übergang zum Spessart. In der Brüder-Grimm-Stadt Steinau besichtigen wir das Amtshaus, in dem die berühmten Märchensammler ihre Kindheit verbrachten. Das Brüder-Grimm-Haus (das ehemalige Amtshaus) ist ein massiver Fachwerkbau mit wunderschönen Zierformen. Besonderheit: In Steinau finden wir viele Häuser mit „Mann-Figuren“ an den Eckständern, die besonders kräftig ausgeführt sind, um den Wohlstand des Besitzers zu zeigen. Der Ort liegt an der alten Via Regia (Handelsstraße Frankfurt–Leipzig), was die opulente Bauweise erklärt. Bevor wir zum Schloss aufsteigen, genießen wir im Literaturcafé Alte Apotheke wir zum Abschluss Kaffee und Kuchen in historischem Ambiente. Das Schloss Steinau bildet den krönenden, herrschaftlichen Abschluss unserer Tour über die Deutsche Fachwerkstraße.
Infobox: Reise-Checkliste
Beste Reisezeit: Mai bis Oktober (für Wanderungen im Vogelsberg) oder im Dezember für die besonders atmosphärischen Weihnachtsmärkte.
Streckenprofil: Gut ausgebaute Landstraßen, ideal für Wohnmobile.
Kulinarik-Stopp: In Nordhessen muss man unbedingt die „Ahle Wurscht“ probieren und im Vogelsberg den „Beulches“ (eine Kartoffelspezialität).
Fazit: Diese Route ist eine Entschleunigungskur auf Rädern. Wer hier fährt, sucht nicht die Autobahn-Geschwindigkeit, sondern das Detail im Schnitzwerk und den Blick über sanfte Mittelgebirgshöhen.
Orientierungshilfe für die Reiseplanung:
- Start: Hann. Münden (B3/B80)
- Etappe 1: Über die B7 nach Kaufungen und weiter nach Melsungen (ca. 45 km).
- Etappe 2: Von Melsungen über die B485 nach Fritzlar und Homberg (Efze) (ca. 40 km).
- Etappe 3: Südlich über die B254 Richtung Bad Hersfeld und Alsfeld (ca. 60 km).
- Etappe 4: Quer durch den Vogelsberg (B254/B62) nach Schlitz und Lauterbach (ca. 45 km).
- Finale: Über die B275 und B40 nach Steinau an der Straße (ca. 50 km).
Text: VAM, recherchiert mit Gemini, Titelbild: ©Stadt Alsfeldt, Markus Shakals
Übernachten
Für die Reise entlang der Fachwerk-Schätze Route findet man in fast jedem Ort Übernachtungsmöglichkeiten für Wohnmobile. Hier ist eine Übersicht der Stellplätze:
Hann. Münden
Wohnmobilstellplatz „Am Weserstein“: Zentral gelegener Platz auf der Insel Tanzwerder mit 30 Stellplätzen, nur 5 Gehminuten von der Altstadt entfernt. Kosten: ca. 15,00 € pro 24 Stunden.
Tel: +49 5541 75313
E-Mail:info@hann.muenden-erlebnisregion.de
Wohnmobilstellplatz „Am Hochbad“: Eine weitere Option am örtlichen Freibad.
Kaufungen
Almut-Weingart-Weg: Sechs gebührenfreie Stellplätze in ruhiger, zentraler Lage zwischen Ober- und Niederkaufungen. Ver- und Entsorgungsstation vorhanden (Wasser gegen Gebühr).
Tel: +49 5605 8020
E-Mail: touristinfo@kaufungen.de
Melsungen
Wohnmobilstellplatz Melsungen: 10 parzellierte Plätze in der Schlachthofstraße direkt an der Fulda, etwa 10 Gehminuten vom Zentrum. Gebühr: 5,00 € pro 12 Stunden.
Tel: +49 5661 708200
E-Mail: tourist-info@melsungen.de
Fritzlar
Wohnmobilstellplatz „Am Grauen Turm“: 10 schattige Plätze direkt an der Altstadt. Kosten: 10,00 € pro Tag.
Wohnmobilstellplatz „Ederaue“: Größerer Platz im Naherholungsgebiet am Edersee-Radweg, ca. 10 Minuten Fußweg ins Zentrum.
Tel: +49 5622 988643
E-Mail: touristinfo@fritzlar.de
Homberg (Efze)
Wohnmobilstellplatz Homberg: Kostenfreier Stellplatz an der Waßmuthshäuser Straße mit Blick auf den Schlossberg. In der Nähe von Einkaufsmöglichkeiten und ca. 20 Minuten Fußweg zur Altstadt.
Tel: +49 5681 939161
E-Mail: touristinfo@homberg-efze.de
Bad Hersfeld
In der direkten Umgebung gibt es verschiedene Campingplätze oder Plätze in den Nachbarorten wie Rotenburg an der Fulda oder Wehrda.
Tel: +49 6621 201810
E-Mail: touristinfo@bad-hersfeld.de
Alsfeld
Wohnmobilstellplatz „Am Erlenstadion“: Großer, parzellierter Platz (ca. 50 Plätze) in der Kolpingstraße, nur 5 Gehminuten vom historischen Marktplatz entfernt.
Tel: +49 6631 182165
E-Mail: tca@alsfeld.de
Schlitz
Wohnmobilstellplatz am Damenweg: Gebührenfreie, geschotterte Plätze am Flüsschen Schlitz, in der Nähe des Freibads. Die Altstadt ist in ca. 15 Minuten durch den Schlosspark erreichbar.
Tel: +49 6642 97060
E-Mail: info@schlitz.de
Lauterbach (Hessen)
Stellplatz „Auf der Bleiche“: Fünf geschotterte Plätze direkt am Ufer der Lauter. Sehr zentral gelegen, nur wenige Gehminuten bis in die historische Altstadt.
Tel: +49 6641 184112
E-Mail: info@lauterbach-hessen.de
Steinau an der Straße
Wohnmobilstellplatz „Am Steines“: Fünf Plätze am Sportzentrum und Freibad mit schönem Blick auf die Altstadt. Ver- und Entsorgung über eine Sanistation möglich.
Tel: +49 6663 96310
E-Mail: verkehrsbuero@steinau.de